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Wurzener Unternehmer bei Fußballclub Cosmos New York mit Beckenbauer

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So gut wie niemand weiß, welch schillernde Sportkarriere der Wurzener Unternehmer Joachim Brand hingelegt hat: Als Jack Brand stand der heutige Inhaber der Wurzener Filzfabrik in den 1970er-Jahren im Tor von Cosmos New York – jenes sagenumwobenen Fußballvereins, zu dem damals Pelé, Franz Beckenbauer und Carlos Alberto wechselten.

von Haig Latchinian

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Jack Brand war damals kanadischer Nationaltorwart und spielte bei Cosmos New York unter anderem mit Franz Beckenbauer.
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Geld schießt Tore. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sollte das schon vor fast 50 Jahren funktionieren. Damals gründete Warner-Medienmogul Steve Ross einen eigenen Fußballclub.Ausgerechnet in den USA, wo sich Soccer einst ähnlicher Beliebtheit erfreute wie heute hierzulande Federball, etablierte er mit den beiden Schallplattenproduzenten Nesuhi und Ahmet Ertegün ein Team, das nicht von dieser Welt sein sollte. Ein Starensemble in Big Apple – größer als die New Yorker Metropolitan Opera: die New York Cosmopolitans.

Die Erde drehte sich nun nicht mehr um den Mond – vielmehr die Fußballwelt um Cosmos New York. Die Cosmonauten erlebten einen kometenhaften Aufstieg, gewannen 1972, 1977, 1978, 1980 und 1982 die Meisterschaft in der North American Soccer League (NASL). Die Boyband, die die Beatles in den Kernschatten stellen sollte, engagierte solch unsterbliche Legenden wie Pelé, Johan Neeskens, Carlos Alberto und „Kaiser“ Franz Beckenbauer.

Fußball vom anderen Stern: 1978 schwebte der US-Meister zum Freundschaftsspiel im ausverkauften Münchner Olympiastadion ein. Und kam gegen die Gerd Müller, Sepp Maier, Paul Breitner, Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck mit 1:7 unter die Räder. In dem Spiel fehlte Cosmos verletzungsbedingt fast die gesamte etatmäßige Hintermannschaft. Doch zeigte sich, selbst die Galaktischen waren nur aus Fleisch und Blut. Und: Geld kann auch Tore kassieren.

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Jack Brand war damals kanadischer Nationaltorwart und spielte bei Cosmos New York unter anderem mit Franz Beckenbauer.
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Joachim Brand ist der Eigentümer der Wurzener Filzfabrik. Hier vor der so genannten Villa auf dem Werksgelände.
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„Ich habe vor mir eine Abwehr, in der englisch, türkisch, portugiesisch, italienisch und spanisch geflucht wird“, zitierte seinerzeit das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Torwart von Cosmos New York, Jack Brand. Brand, kanadischer Staatsbürger mit deutscher Abstammung und schon damals die Bescheidenheit in Person, trug nicht die Rückennummer 1, sondern die 0. Dabei war und ist er alles andere als eine Null, vielmehr einer der wohl schillerndsten Fußballer mit sächsischen Wurzeln aller Zeiten.

Was kaum einer weiß: Jack Brand heißt im wahren Leben Joachim Brand. Jochen, wie ihn seine Freunde nennen, verbringt heutzutage rund ein Drittel des Jahres in Deutschland. Der 65-jährige Kanadier ist erfolgreicher Geschäftsmann und Inhaber mehrerer Betriebe. Unter anderem ist er Eigentümer der Wurzener Filzfabrik. Das Werk mit seinen 150 Mitarbeitern genießt bei den Klavierproduzenten weltweit einen exzellenten Ruf – ob bei Steinway, Yamaha, Schimmel, Blüthner, Fazioli oder Steingraeber & Söhne.

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Joachim Brand ist der Eigentümer der Wurzener Filzfabrik. Hier vor der so genannten Villa auf dem Werksgelände.
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In Wurzen entstehen die berühmten Hammerkopffilze. Greift der Pianist in die Tasten, bringt er die befilzten Hammerköpfe in Bewegung. Die Saiten werden angeschlagen und erzeugen den Klang. Der Filz sorgt sozusagen für den guten Ton. Von billigem Klappern, das landläufig zum Handwerk gehört, hält Jochen Brand also schon von Berufs wegen nichts.

Vielleicht trägt er seine Fußballkarriere auch deshalb nicht wie eine Monstranz vor sich her. Brand tritt lieber hinter seine „wirklich tollen“ Kollegen zurück, er lobt den alten und neuen Geschäftsführer, Helmut Lachmann beziehungsweise Joachim Hildebrandt, vor allem aber dankt er seinen geliebten Eltern.

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Die Eltern des Ex-Torwarts: Ursula und Klaus Brand. Beide sind 2014 verstorben. Oben: Die Pianofortefilzfabrik Wurzen im Jahr 1908.
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Der 2014 verstorbene Vater Klaus war es, der die Wurzener Filzfabrik 1991 von der Treuhand kaufte und sie somit vor dem sicheren Ruin bewahrte. Klaus Brand, der bekannt dafür war, dass er morgens alle seine Mitarbeiter – ob in Verwaltung oder Produktion – mit Handschlag begrüßte, legte frühzeitig Wert darauf, dass seine beiden Söhne, Dietrich und Jochen, das Filz-Gewerbe von der Pike auf erlernten.

Genauso wie er selber bei seinem Vater, Heinrich Brand, zunächst „Dreck fressen“ musste. Heinrich war Eigentümer der Filzfabrik in Oschatz. Dort lernte Klaus Brand auch seine zukünftige Frau Ursula kennen. Als der Krieg aus war, flohen die Brands – die Unternehmer – vor den neuen Machthabern. Wie schon seine Altvorderen, die ebenfalls Kriegsflüchtlinge waren, hatte auch Klaus Brand alles verloren. Braunschweig wurde seine neue Heimat.

Dort stieg er in einer vom Bankrott bedrohten Filzwarenfabrik ein und schaffte den Neuanfang. Als gebranntes Kind im Zonenrandgebiet sehnte er sich nach einem sicheren Zufluchtsort, falls ihm und den Seinen ein weiteres Mal die Enteignung drohte. Um in Krisenzeiten sein Kapital zu retten, überlegte er, wo er einen weiteren Betrieb aufmachen könne. In Portugal? In Australien? In den USA? Er entschied sich für Kanada. Dort eröffnete er Ende der 1950er-Jahre ein Filzgeschäft mit 300 Quadratmetern, blieb selbst aber im Stammwerk in Niedersachsen.

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Die Eltern des Ex-Torwarts: Ursula und Klaus Brand. Beide sind 2014 verstorben. Oben: Die Pianofortefilzfabrik Wurzen im Jahr 1908.
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Eine Autogrammkarte von Jack Brand. Zu der Zeit spielte er für die Seattle Sounders und stellte einige Liga-Rekorde auf. Oben: Das Team von Cosmos New York: Rechts unten ist Jack Brand zu sehen.
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Bundesliga-Legende Johannes „Hennes“ Jäcker, damals Fußballtorwart von Eintracht Braunschweig, entdeckte die Keeper-Künste des behände im Kasten umher hüpfenden 14-jährigen Jochen Brand. Der gelernte Pädagoge (Lehrer für Sport und Latein) überredete schließlich Jochens Eltern, ihren Sohn zur Eintracht zu schicken: „Meine Mutter fürchtete, ihr Junge würde auch solche entsetzlichen O-Beine bekommen.“ Hennes beruhigte sie: „Er will mich doch nur ins Tor stellen.“

Brand wurde U 18-Nationalspieler, kickte mit Karl-Heinz „Charly“ Körbel, Ronald „Ronnie“ Worm und Bernd Dürnberger. Als er einen Profivertrag bei der Eintracht unterschreiben sollte, legte der Vater sein Veto ein. Weil der Sohn irgendwann beruflich in seine Fußstapfen treten sollte, schickte er ihn auf die Highschool nach Kanada.

Fußball weg, Freundin weg, alles weg. Für Jochen brach eine Welt zusammen. Doch nur vorübergehend. Der Direktor der Privatschule, ein Schotte und begeisterter Fußballfan, holte den Jungen ins Fußball-Team. Das sollte sich auszahlen: Erstmals in ihrer Geschichte wurde die Schule Soccer-Champion der Region Ontario.

Während des Studiums stieg der junge Mann aus Braunschweig in die Nordamerikanische Soccer League auf. Jochen hielt für die Toronto Metros. Weil „Jochen“ geschweige denn „Joachim“ kein Amerikaner aussprechen konnte, firmierte er fortan als Jack Brand und nahm die kanadische Staatsbürgerschaft an.

Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal hütete der Noch-Amateur das Tor von Kanada. Zuvor bereitete er sich mit Spielen unter anderem auch gegen die DDR auf die schwierige Aufgabe im eigenen Land vor. Das Abenteuer Olympia fand schon in der ersten Runde und nach zwei Niederlagen gegen die Sowjetunion (1:2) sowie Nordkorea (1:3) ein jähes Ende.

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Eine Autogrammkarte von Jack Brand. Zu der Zeit spielte er für die Seattle Sounders und stellte einige Liga-Rekorde auf. Oben: Das Team von Cosmos New York: Rechts unten ist Jack Brand zu sehen.
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Idol der Fans: Goalkeeper Jack Brand. Rechts unten das Vereins-Emblem der Cosmonauten. Oben: Verstanden sich gut: Jack Brand und Kaiser Franz Beckenbauer von Cosmos New York.
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1977 fehlten dem Studenten noch zwei Kurse in Ökonomie. Er machte sie an der Universität von Rochester im Staat New York und wurde von den Lancers unter Vertrag genommen. „Die Mannschaft war nicht gerade gut. Gut für mich. Denn umso mehr hatte ich im Tor zu tun und konnte mich auszeichnen. Viermal spielten wir gegen Cosmos New York. Offensichtlich hinterließ ich Eindruck – jedenfalls wollten sie mich haben“, erinnert sich Jochen – alias Jack – Brand.

Ganze zwei Jahre blieb er bei den Cosmonauten und stand mit keinem geringeren als Franz Beckenbauer in einem Team. Central Park und Wolkenkratzer statt Säbener Straße und Schweinebraten: „In New York wurde Franz zum Weltbürger. Als er kam, war er eher ruhig und zurückhaltend. Ich hätte ihm nie zugetraut, dass er mal eine solche Persönlichkeit werden würde“, so Brand. Er habe es ihm später auch persönlich gesagt, so der Ex-Torhüter: „Ich finde es sehr schade, dass in Deutschland sein Denkmal demontiert wird. Sicher ist vor der WM 2006 nicht alles richtig gelaufen. Aber es ist kein Grund, einen Mann mit solchen Verdiensten fallen zu lassen.“

Geld spielte in New York keine Rolle. Die Väter von Cosmos scheuten weder Kosten noch Mühen, um die besten Spieler der Welt an den Hudson River zu locken. So auch Beckenbauer. Noch lange erinnerte sich der Weltmeistertrainer der deutschen Nationalmannschaft (1990) an jenen Hubschrauberflug vom Dach eines Hochhauses. Es sei ein Trip in eine andere Welt gewesen, raus nach New Jersey zum Giants Stadium, ins damals modernste Stadion der Welt. Beckenbauer: „Während wir übers Stadion flogen, habe ich ihnen zugebrüllt: Also gut, hört’s auf, ich komme!“

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Idol der Fans: Goalkeeper Jack Brand. Rechts unten das Vereins-Emblem der Cosmonauten. Oben: Verstanden sich gut: Jack Brand und Kaiser Franz Beckenbauer von Cosmos New York.
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Das legendäre Spiel von Cosmos gegen den FC Bayern München 1978.
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Jack Brand ging, wechselte 1980 zu den Seattle Sounders und wurde zum NASL-Spieler des Jahres gewählt. Überhaupt purzelten die Rekorde: Mit Seattle errang er so viele Siege wie kein anderes Team zuvor in einer Saison, ganze 15 Matches hielt Brand zu null. Vielleicht sollte das ja die Null sein, die auf seinem Dress prangte.

Die Tampa Bay Rowdies und der F.C. Seattle waren seine letzten Stationen, ehe er nach Deutschland zurück kehrte: „Ich stürzte mich nun voll ins Familiengeschäft. Es war höchste Zeit. Wenn mein Vater von heute auf morgen umgekippt wäre – ich hätte keine Ahnung vom Job gehabt.“

Die Geschichte von Cosmos New York
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Jochen Brand, heute Vater dreier erwachsener Kinder, lebt die längste Zeit des Jahres in Kanada. Dort führt er genauso Betriebe wie in Deutschland. Stets an seiner Seite – die Ex-Freundin Birgit, die er im Jugendalter in Deutschland zurück lassen musste, als er nach Kanada ging: „Drei Jahre schrieben wir uns heiße Liebesbriefe. Irgendwann ließ ich fallen, dass es auch in Kanada hübsche Mädchen gibt. Da kam sie sofort rüber und ist geblieben. Für immer.“

Brand bezeichnet sich selbst als glücklichen Menschen: „Anders als meine Vorfahren musste ich keinen Krieg erleben, kann in Frieden das fortführen, was fleißige Menschen vor uns aufgebaut haben.“

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Freunde fürs Leben: Die beiden ehemaligen Cosmos-Stars Pelé und Franz Beckenbauer waren auch später unzertrennlich.
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Das Ende

Das Interesse des US-Fernsehpublikums für Cosmos und die Liga war nicht von Dauer. Der Sender ABC zeigte zwischenzeitlich nur noch eine einzige Begegnung der Meisterschaft, bevor die Liga ab 1982 überhaupt keinen Medienpartner mehr hatte. Rettungsversuche wie das Bemühen um die Austragung der Fußballweltmeisterschaft 1986 scheiterten, so dass die North American Soccer League (NASL) 1984 aufgelöst wurde.


Ihr Niedergang brachte auch Cosmos in finanzielle Nöte. Die Sponsoren fuhren ihr Engagement zurück und überschrieben ihre Beteiligungen 1981 an den damaligen Cosmos-Spieler Giorgio Chinaglia. Der seit 1976 bei den New Yorkern spielende Italiener verfügte jedoch nur über einen Bruchteil der Mittel Warners und musste daher viele der Top-Spieler verkaufen. Nach Auflösung der NASL setzte Cosmos auf Hallenfußball. Die Zuschauerbegeisterung hielt sich in Grenzen. 1985 wurde der Club aufgelöst und liquidiert.

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Freunde fürs Leben: Die beiden ehemaligen Cosmos-Stars Pelé und Franz Beckenbauer waren auch später unzertrennlich.
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