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Hitzewelle im Landkreis Leipzig

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36 Grad! Wer kennt ihn nicht – den Hit von der Band 2Raumwohnung. Heute wird es im Landkreis Leipzig tatsächlich noch heißer. Das Quecksilber steigt auf annähernd 40 Grad. Glücklich, wer Alternativen hat. Der Bierbrauer in Nerchau flieht in den Lagerraum.  Dagegen hat der Saunameister vom Riff in Bad Lausick bei der vermeintlichen Hitze gut Lachen. Er ist wahrlich anderes gewohnt.

von Haig Latchinian (Text), Thomas Kube (Fotos) und Gina Apitz (Produktion)

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Der Dachdecker aus Bad Lausick

Dachdecker im hochsommer 50410
Dachdecker können sich vor Sonne und Hitze kaum verstecken. Hier beim Neubau des Altenpflegeheims in Bad Lausick. Nico Litzinger, Tobias Heine und Markus Alheidt (v. l.) von der Dachdeckerfirma Johannes Heine GmbH aus Grimma im Einsatz.
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Nicht zu beneiden sind derzeit die Bauarbeiter. Einer von ihnen ist Tobias Heine, Dachdeckermeister aus Grimma. Der 40-jährige Vorarbeiter ist in diesen Tagen mit vier Kollegen auf der Baustelle der neuen Seniorenresidenz im Bad Lausicker Steingrundweg tätig. Dabei sind er und seine Mannen der Sonne so gut wie ungeschützt ausgesetzt. Sollte ein kleines Lüftchen wehen, ist dieses weder angenehm noch erfrischend – sondern heiß wie aus einem Föhn.

Dabei erwischt es Dachdecker gleich doppelt hart: „Von oben strahlt die Sonne, von unten die schwarze Dachbahn“, weiß Heine. So fühlten sich die 40 Grad noch eine Spur heißer an. Der Meister jammert nicht. Arbeiten bei Wind und Wetter ist Teil der Berufsehre. „Wir fangen früh etwas zeitiger an, treffen uns um fünf in der Firma und sind schon eine halbe Stunde später auf der Baustelle.“ So nutze man die noch erträglichen Morgenstunden intensiver.

Volle Auftragsbücher ließen keine verkürzten Arbeitszeiten zu. Es bleibt bei achteinhalb Stunden täglich. Die Firma dankt. Sie spendiert Mineralwasser für alle. Außerdem sorgen die Mitarbeiter für Nachschub an lecker Eis. Heine achtet auf ausreichend Pausen im Untergeschoss. Er legt Wert darauf, dass niemand mit freiem Oberkörper und ohne Kopfbedeckung arbeitet. „Nacken und Ohren sind einzucremen, Sonnenschutz ist wichtig.“

Sonnenmilch im Gesicht mag ein Dachdecker dagegen weniger, so Heine: „Wir wischen uns oft den Schweiß von der Stirn. Wenn die Creme dann in die Augen läuft, brennt es unangenehm.“ Deshalb spannten die Kollegen so oft es geht eine Art Sonnensegel auf. Leider ließen das die Gegebenheiten vor Ort jedoch nur selten zu.

Wenn er die Wahl zwischen hartem Winter oder heißem Sommer hätte, würde er den Winter nehmen, sagt der Vorarbeiter: „So kalt es auch wäre – durch Bewegung wird dir warm.“ Vor drückender Hitze aber gebe es kein Entrinnen. Erschwerend komme hinzu, dass man nachts nicht gut schlafe und die Akkus nur ungenügend aufladen könne. Einziger Vorteil: Man hat eher Feierabend. In der Regel gegen 15 Uhr.

Dachdecker im hochsommer 50410
Dachdecker können sich vor Sonne und Hitze kaum verstecken. Hier beim Neubau des Altenpflegeheims in Bad Lausick. Nico Litzinger, Tobias Heine und Markus Alheidt (v. l.) von der Dachdeckerfirma Johannes Heine GmbH aus Grimma im Einsatz.
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Der Schlossherr von Trebsen

Jochen rockstroh4152
Schlossherr Jochen Rockstroh findet im Hochsommer Abkühlung in seinen Kellerräumen.
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Kühle Gedanken, sie sind es, die sich Trebsens Schlossherr bei Außentemperaturen von fast 40 Grad am liebsten macht. Das sei bei ihm reiner Selbstschutz. Doch was versteht er unter kühlen Gedanken? Jochen Rockstroh, 58, führt in den Hof seines altehrwürdigen Anwesens. Schon hier spürt er den leichten Windzug, den seine Vorgänger an gleicher Stelle bereits vor 500 Jahren geschätzt haben dürften.

Doch erfrischend, geschweige denn kalt, ist es hier noch nicht. Da öffnet Rockstroh eine Pforte und führt 21 Stufen hinab in die Dunkelheit. Mit jedem Treppenabsatz purzeln die Temperaturen merklich. Irgendwann sind sie im Keller. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Im Tonnengewölbe unterm Ostflügel des Schlosses herrschen angenehme fünf Grad, die den Schlossherrn beinahe frösteln lassen.

Es ist nicht der einzige Fluchtraum bei Hitze. Unterm Westflügel befinde sich sogar ein Drei-Tonnen-Gewölbe. Während dort bis 1856 Gerichtsakten archiviert wurden (im Schloss wurde damals Recht gesprochen), will Rockstroh unterm Ostflügel bald wieder Kartoffeln lagern. Nicht irgendwelche. „Biokartoffeln aus Sachsendorf für unsere Schlossgaststätte.“ Außerdem sei hier unten genug Platz für Whisky und Wein.

Dabei hat Rockstroh noch lange nicht das letzte Geheimnis von Trebsens Unterwelt gelüftet: „Hartnäckig hält sich das Gerücht, wonach es einen Fluchttunnel unter der Mulde hinüber nach Nitzschka geben soll. Niemand hat ihn in all den Jahren gefunden. Aber wer weiß. Es gibt immer wieder Überraschungen.“

Im seidenen Gewand sitzt der Schlossherr im Keller und bereitet in tiefster Tiefe die nächsten Höhepunkte vor. Rock’n’Roll-Festival, Garten- und Schlossfest, Highland-Games – es gibt noch einiges zu tun. Hitze? Welche Hitze? Hier unten kann er sich voll konzentrieren: „Nicht mal das Handy stört, wir haben hier unten kein Netz“, sagt der Manager und denkt und denkt. Wahrscheinlich sind das die besagten kühlen Gedanken, von denen er eingangs sprach.

Jochen rockstroh4152
Schlossherr Jochen Rockstroh findet im Hochsommer Abkühlung in seinen Kellerräumen.
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Der Saunameister

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Dirk Wächter (50) ist Saunameister im Bad Lausicker Kur- und Freizeitbad Riff.
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Über Temperaturen um die 40 Grad kann Dirk Wächter nur müde lächeln. Das Doppelte und noch etwas mehr müsste es schon sein, um ihn annähernd in Wallung zu bringen. Einem feuerspeienden Drachen gleich braucht er die Hitze, die Gluthitze, wie die Luft zum Atmen. Erst dann läuft er zu großer Form auf. Der 50-jährige Beiersdorfer ist Saunameister im Kur- und Freizeitbad Riff in Bad Lausick.

Und er räumt auch gleich mit einem Vorurteil auf: „Viele denken, Sauna wär’ nur was für den Winter. Von wegen. Wir haben Stammgäste, die schwören gerade im Hochsommer auf das Wechselbad der Gefühle.“ Er könne das gut verstehen, sagt der Meister der Aufgüsse: „Wenn du nach der Sauna porentief rein bist, noch etwas nachschwitzt und dann in die sogenannte Hitze gehst, spürst du, wie dich auch das kleinste laue Lüftchen erfrischt.“

Mit Holzkelle und Lendenschurz ist er so etwas wie der Alleinunterhalter im großen Kelohaus, seinem Theater, das bis zu 80 Personen fasst: „Unser von waschechten Finnen gebautes Blockhaus besteht aus alten skandinavischen Kiefern. Die Bäume im hohen Norden wachsen langsamer. Daher ist ihr Holz beinahe so hart wie Stahl. Genau richtig für die Sauna“, sagt der Mann, der seit 19 Jahren im Riff dabei ist.
Mal mit Handtuch, mal mit Segel – fachmännisch wedelt Dirk Wächter seinem Publikum die heiße Luft zu. Anderswo gibt es Kollegen, die zusätzlich Goethe-Verse rezitieren. Er ist kein Schauspieler im weiten Rund. Er ist am besten, wenn die Gäste auf den Rängen die Augen schließen. Bei 85 Grad Celsius schöpft er aus dem Fünf-Liter-Bottich die wohlriechende Essenz seiner Wahl und verteilt sie auf die mit Erdgas befeuerten Basaltsteine. Fichte, Eukalyptus, Minze – allein das ein Gedicht!

 „Selbst erfahrene Saunagänger glauben, beim Aufguss wird es noch wärmer. Stimmt nicht. Nur die Luftfeuchte steigt, so fühlt es sich heiß, heißer, am heißesten an.“ Sechs verschiedene Saunen gibt es im Riff. Eine Biosauna mit Lichteffekt, etwa 48 Grad warm mit 50 Prozent Luftfeuchte. Ein Dampfbad, 50 Grad und 100 Prozent Luftfeuchte. Eine Duftgrotte mit 65 Grad und bis zu 40 Prozent Luftfeuchte. Dazu die drei Hotspots: Erdsauna, Finnische Sauna und Kelohaus mit Temperaturen weit jenseits der 80-Grad-Marke.




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Dirk Wächter (50) ist Saunameister im Bad Lausicker Kur- und Freizeitbad Riff.
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Schwitzen sei gut. Gerade bei Hitze. Es sei die natürliche Kühlung des Körpers. Männer schwitzen mehr als Frauen. Allein schon deshalb, weil sie mehr Schweißdrüsen besitzen. Aber man könne das Schwitzen auch trainieren, weiß Dirk Wächter: „In der Sauna. Je öfter du gehst, desto besser schwitzt du.“ Wer sich danach auch noch lauwarm oder kalt abdusche, tue seinem Kreislauf viel Gutes.

Und wie steckt er selbst die Aufgüsse weg? „Ein Aufguss über zwölf Minuten ist Hochleistungssport für den Saunameister. Natürlich musst du topfit sein. Aber nicht jeder Tag ist wie der andere. Manchmal bist du schon nach ein, zwei Aufgüssen kaputt, ein anderes Mal sind für dich sechs Aufgüsse kein Problem. Zum Glück bin ich nicht allein. Wir Kollegen teilen uns rein.“

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Der Bierbrauer

Brauhaus nerchau  4123
Brauer Martin Fischer kann sich vorübergehend abkühlen, wenn er sein Bier in der Kühlzelle des Brauhauses sortiert.
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Da braut sich was zusammen! Von hell bis dunkel, leicht bis stark – elf verschiedene Sorten produziert Martin Fischer in Nerchau. Seit 2012 ist der heute 26-Jährige dabei. Er geht gern auf Arbeit. Am liebsten im Hochsommer, wenn seine Freunde in den Büros über die Hitze stöhnen. In der Brauerei ist er fein raus. Wenn es ihm zu heiß wird, stapelt der muskulöse Ex-Boxer im Lagerraum kurzerhand die Kästen.

In der Kühlzelle des Hofladens lässt es sich bei Temperaturen um fünf Grad bestens aushalten. „Weil unser Bier weder pasteurisiert noch gefiltert wird und dadurch nicht so lange haltbar ist, muss es gekühlt werden“, sagt der Brauer. Er spricht von einer Art begehbarem Kühlschrank, genießt die willkommene Abkühlung.

Die hat er auch bitter nötig. Denn im Sudhaus, wo die Bierwürze bei 100 Grad gekocht wird, ist es spürbar wärmer. Der Brauer aus Mutzschen, der im örtlichen Spielmannszug auf die Pauke haut, brennt für Biere. „Frauen haben einen Schuhfimmel, sind ständig am Einkaufen. Ich dagegen schaue in jede Brauerei, an der ich vorbei komme. Gerade die Kleinen der Branche interessieren mich.“

In Sachsens erster Biobrauerei schmeckt Martin Fischer, wie das Bier im Tank wächst. Ob er unter diesen Umständen überhaupt noch mit dem Auto heimfahren kann? „Ich nehme nur hier und da mal ein Schlückchen, das ist nicht der Rede wert“, lacht der Brauer, der sein Handwerk drei Jahre in Halberstadt gelernt hatte. „Schon am nächsten Tag konnte ich in Nerchau anfangen.“

1000 Hektoliter braut er pro Jahr. Abnehmer gebe es vor allem in Leipzig und Dresden. Im begehbaren Kühlschrank der Brauerei hat er gut Lachen. Dabei liebe er durchaus auch wärmere Gefilde, verbringe seinen Urlaub auch gern mal in Italien, Kroatien oder der Türkei. Er halte es am Strand auch ziemlich lange aus: „Solange es eine kühle Blonde gibt.“

Brauhaus nerchau  4123
Brauer Martin Fischer kann sich vorübergehend abkühlen, wenn er sein Bier in der Kühlzelle des Brauhauses sortiert.
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