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Neue Harth bei Leipzig nach der Braunkohle

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Seit Monaten diskutiert Deutschland über das Schicksal des Hambacher Forsts. Tausende Aktivisten protestieren gegen die geplante Rodung durch RWE.

Was dem Hambacher Forst vielleicht bevorsteht, ist in einem Leipziger Wald schon geschehen: Die Harth wurde in den 1930ern dem Braunkohletagebau geopfert. Nach dem Abschluss der Förderung in dem Gebiet wurde wieder aufgeforstet. Es bleibt die Frage: Kann der Mensch wieder zurückholen, was er einst zerstört hat?

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Ein Braunkohlebagger im Tagebau Hambach. So könnte es, wenn der Energieriese RWE sich durchsetzt, auf der Fläche des Waldes bald überall aussehen. Und so sah es auch im Leipziger Umland mehrere Jahrzehnte lang aus. Die alte Harth - für immer verloren, kein Grün weit und breit. Kaum kann man sich vorstellen, dass auf solchem Gebiet überhaupt jemals wieder etwas wächst. Trotzdem erstreckt sich heute bei Markkleeberg ein 900 Hektar großes Waldareal. 

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Bevor der Tagebau kam, lag die Harth eingebettet zwischen Feldern und Gemeinden. Der heutige Wald ist Teil des Leipziger Neuseenlands, das sich aus der Gestaltung des ehemaligen Braunkohlereviers nördlich und südlich von Leipzig entwickelt hat. 

Foto:
Vorher - Leibnitz Institut für Länderkunde
Nachher - Eberhard Mai/ Zweckverband Planung und Erschließung Neue Harth

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Die Geschichte eines neuen Waldes

Karte markkleeberg
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So sah das Gebiet um die ursprüngliche Harth um 1934 aus. Der etwa 800 Hektar große Mischwald liegt damals auf einem sandigen Höhenrücken nahe des Leipziger Ortsteils Markkleeberg, zwischen Gaschwitz, Zwenkau und Prödel. Der Baumbestand ist sehr alt, erstmals wird die Harth um 993 nach Christus schriftlich erwähnt. Besonders im Zeitraum zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gilt die Harth als beliebtes Ausflugs- und Wanderziel, an das sich ältere Leipziger auch heute noch erinnern. Damals gelangt man von einer Bahnstation direkt in den Wald, der auch für die Erholungsstätte "Hartheck" bekannt war, in der sich lungenkranke Menschen kurieren konnten.

Laut dem Markkleeberger Geschichtsbuch wurde das Gebiet in den 1930er-Jahren durch die Sächsische Braunkohlewerke AG aufgekauft. Bei Bohrungen unter dem dichten Kiefern- und Birkenbestand war man zuvor auf ausgedehnte Braunkohleflöze gestoßen. Es folgen um die fünfziger Jahre großflächiger Kohleabbau und damit die Zerstörung eines Landstrichs mit vielseitiger Flora und Fauna. Auch an den umliegenden Ortschaften geht der Tagebau nicht spurlos vorbei. So werden etwa die 339 Einwohner des Ortes Prödel Anfang der 1970er-Jahre umgesiedelt. 1974 folgt Cospuden mit 38 Einwohnern. 

Bereits 1968 wird auf dem Gebiet der heutigen Neuen Harth wieder aufgeforstet. Auf den nach der Kohle-Förderung oftmals nährstoffarmen Böden werden großflächig Pappeln, aber auch verschiedene Eichenarten und Kiefern angepflanzt. Heute werden vor allem die Pappeln durch andere Gehölze ersetzt, die für den schwierigen Standort besser geeignet sind. Die Landschaftliche Gestaltung des Gebiets obliegt der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Der Forstbezirk Leipzig pflegt als Besitzer der meisten Flächen den Baumbestand der Neuen Harth. 


Karte markkleeberg
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Carsten Pitsch ist als Revierförster für das Gebiet der Neuen Harth verantwortlich. Die Fläche, auf die er zeigt, war bis 2008 noch bis zum Wegesrand mit Kiefern bewachsen. Dann jedoch vernässte die Oberfläche, die Bäume starben ab. Schuld daran ist unter anderem die Bodenqualität. "Zu DDR-Zeiten haben sie es mit den Schichtungen nicht ganz so ernst genommen", sagt er. Damals seien Erde, Kies und sogar Asche wahllos abgekippt worden. "Wir schätzen, dass es etliche Jahrzehnte dauert, bis es wieder wasserleitende Schichten gibt."

Das Problem: Der Niederschlag kann zwar in die Erde einsickern, durch den verdichteten Untergrund aber nicht ausreichend abfließen. Da die Bäume zudem nicht tief wurzeln können, überleben sie an manchen Stellen nicht. 

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Schlechte Startbedingungen für Waldpflanzen

Carsten Pitsch ist als Förster oft in der Neuen Harth unterwegs. Er erklärt, warum der zu DDR-Zeiten aufgekippte Boden für viele Waldpflanzen zum Problem werden kann. 

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René Sievert ist Vorsitzender des Leipziger Naturschutzbundes. Über den Braunkohletagebau im letzten Jahrhundert sagt er, dass es für das Ökosystem kaum eine größere Katastrophe hätte geben können. Mit der Aufforstung seien in der Neuen Harth naturkundlich "viele spannende Sachen" passiert. Eine Renaturierung im eigentlichen Sinne hätte aber nicht stattgefunden.

"Man hat nach der Ausbeutung der Landschaft durch die Braunkohle jetzt eine Art Freizeitindustrie hier angesiedelt", sagt Sievert und spielt auf das Netz der Wanderwege, den Bau von Häfen an den neuen Seeufern und den nahen Freizeitpark Belantis an. Er wünscht sich großflächige Ruhezonen für Vögel, Amphibien und Insekten. "Damit überhaupt wieder eine Art Wildnis entstehen kann."

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Nicht mehr das, was es mal war.

Als Mensch kann man sich einen abgeholzten Wald nicht einfach wieder aufbauen, sagt René Sievert. Die Neue Harth sei ein eigenes ökologisches System, das geschützt werden sollte. 

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Der Entdecker:

Rainer Hoyer kennt die Flora und Fauna der Neuen Harth vielleicht besser als jeder andere. Der Chemiker und Naturliebhaber aus Leipzig befasst sich seit über zehn Jahren mit dem Tier- und Pflanzenbestand des jungen Waldes. Dabei stößt er auch immer wieder auf Arten, die in und um Leipzig eigentlich nicht heimisch sind

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Hauptsache Wald?

Der Braunkohleabbau fördere Technologie von Vorgestern, sagt René Sievert. Was damals in der DDR für die Wirtschaft sehr bedeutsam gewesen sei, habe heute auf dem Gelände des Hambacher Forsts keine Berechtigung mehr. 

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Kommentar: Die Harth ist tot, es lebe die Harth!

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Wald ist gleich Wald, oder? Die Neue Harth hat ihre eigenen Lebensräume hervorgebracht und ist ein wertvolles Stück Natur. Würde die Rodung des Hambacher Forsts stattfinden, könnte RWE Arbeitsplätze erhalten und danach dem Ökosystem Abbitte leisten. 

Damit könnte alles wieder gut sein und den Protestlern am Hambacher-Forst ein beschwichtigendes "Na und?" entgegengesetzt werden. Klimaausstieg, das geht auch morgen noch! Doch trotz aller Bemühungen kann einmal verlorene Natur nicht wiederhergestellt werden. Die alte Harth ist fort und ebenso würde der Hambacher Forst verschwinden. Die Aktivisten in Nordrhein Westfalen werden deshalb aller Voraussicht nach weiter für den Kohleausstieg und den Erhalt des Waldes kämpfen.

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Interviews und Texte: Hanna Gerwig
Fotos und Videos: Dirk Knofe, Patrick Moye (Drohne)
Schnitt: Felix Ammen (Leipzig Fernsehen)
Produktion: Hanna Gerwig, Gina Apitz

Dank für die Zusendung von Bildmaterial geht an den Zweckverband Neue Harth, Michael Zock und Rainer Hoyer

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