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Der Oldtimerkönig aus Nerchau

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Hans-Joachim Kullig ist ein echter Fan von alten Autos. Ob Thälmann-Film oder Krupp  Dreiteiler – seine Oldtimer waren schon in diversen Spielfilmen zu sehen. Und manchmal chauffiert der 77-Jährige in seinen Lieblingen auch gute Freunde durch die Gegend.

von Haig Latchinian



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Hans-Joachim Kullig in einem seiner selbst aufgemöbelten Oldtimer.
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Als Vater Zitterbacke zeigte Günther Simon seinem Sohn Alfons, wie es im Schwimmbad vom Sprungbrett abwärts geht. Als Ernst Thälmann im Defa-Klassiker „Führer seiner Klasse“ demonstrierte er, wie es mit der Arbeiterklasse aufwärts geht. Der Nerchauer Hans-Joachim Kullig kannte den Mensch hinter dem Volksschauspieler. Nach all dem Auf und Ab vor der Kamera hatte er das Glück, mit ihm in einer Drehpause zu Mittag zu essen: „Herr Simon war vor allem eines – bodenständig und überhaupt nicht eingebildet.“

Der heute 77-jährige Kullig muss es wissen. 1955 war er im Thälmann-Film in einer Nebenrolle besetzt. Als gutbürgerlicher Hanomag-Fahrer musste er am Set in Leipzig immer hin und her fahren. Mehrere Tage ging das so. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Der Kraftfahrzeugmeister alter Schule hatte sich damals extra Urlaub genommen, um seinen Teil an großem Kino beizusteuern. Kullig, der sein Handwerk in der PGH Grimma von der Pike auf erlernte, bescheiden wie immer: „Es ging nicht um mich, sondern um den Hanomag.“

Zu Hause in Nerchau spielen die Oldtimer sogar die Hauptrolle. Ob Hanomag, Dauphine oder Wartburg Coupé – über jedes seiner eigenhändig aufgebauten Modelle kann er Storys erzählen: „Hier, der Renault-Dauphine gehörte mal unserem Nerchauer Arzt Heinrich Große. Walter Ulbricht wollte die Intelligenz mit aller Macht im Lande halten und kaufte extra dafür 6000 Stück.“ Sachkundig erzählt Kullig von der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er- Jahre, vom eingebrochenen Geschäft der Audi, DKW, Horch und Wanderer, die unter dem Druck der Banken zur Autounion fusionierten.

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Hans-Joachim Kullig in einem seiner selbst aufgemöbelten Oldtimer.
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In dem Defa-Streifen "Führer seiner Klasse" ist ebenfalls ein Oldi aus Kuligs Fuhrpark zu sehen.
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Zwillinge
Die in Neuchau geboren Kessler-Zwillinge chauffierte Kullig auch schon in seinen Oldtimern.
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Besonders am Herzen liegt ihm die sächsische Traditionsmarke Wanderer. Schon als Junge schaute Hans-Joachim dem schicken Modell hinterher. „Ein Bäcker im Nachbarort fuhr nach dem Kriege seine Brote mit dem Wanderer breit.“ Das inzwischen restaurierte Bäckerauto von einst ist längst in seinem Besitz. In der zwei Tonnen schweren Limousine chauffierte er sogar die in Nerchau geborenen, weltberühmten Kessler-Zwillinge. „Es war eine lustige Tour, die beiden wären mit mir am liebsten bis Berlin durchgefahren. Sie fanden es witzig, dass sie genau so alt wie das Auto waren.“

In Nerchau kamen die Kessler-Zwillinge Alice und Ellen 1936 buchstäblich auf die Welt: In Düsseldorf, Paris, Rom, Monte Carlo, London, Las Vegas, Hongkong und Sydney – überall feierten sie umjubelte Gastspiele. Doch zu Hause sind die singenden Tänzerinnen nur an einem Ort: Auf der Bühne! Als sie Nerchau in Richtung Leipzig verließen, waren sie noch Püppchen. „Püppchen, du bist mein Augenstern“, lacht Kullig. Zu dieser Liedzeile sei früher der Wanderer W4 auf der Operetten-Bühne präsentiert worden.

Wenn Hans-Joachim Kullig all die Jahrzehnte vor seinen Oldtimern stand, ähnelte das einem Annäherungsversuch an eine schöne Frau. Er strich zärtlich über die Lederpolster. Schwärmte vom Rosshaar-gefütterten und mit Flanell bespannten Himmel. Und konnte den Rundungen des elegant geschwungenen Kotflügels nicht widerstehen. Das ist inzwischen anders. Seine Finger sind nicht mehr so geschmeidig, das Herz ist ihm schwer. Im vorigen Jahr starb seine über alles geliebte Sigrid.

Zwillinge
Die in Neuchau geboren Kessler-Zwillinge chauffierte Kullig auch schon in seinen Oldtimern.
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Gaswerk
Kullig schraubt noch immer täglich in dem inzwischen geschlossenen Autohaus an seinen Oldtimern.
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Beide waren unzertrennlich. Als Mitglied des Wanderer-Freundeskreises beteiligte sich der Autonarr an unzähligen Ausfahrten im In- und Ausland. Sigrid wich ihm als kenntnisreiche Beifahrerin nie von der Seite. Niemand konnte die Karten so gut lesen wie sie. Als seine Frau 2011 erkrankte, entschied sich Hans-Joachim Kullig das von ihm gegründete Renault-Autohaus zu verlassen und Sigrid rund um die Uhr zu pflegen. Bis zu ihrem Lebensende war der Kraftfahrzeugmeister nur für sie da.

Zwar ist jenes Autohaus in Nerchau offiziell geschlossen, doch noch immer geht der hochbetagte Rentner jeden Tag zum Dienst. Unter der Fotografie seiner Frau baut er weiter Oldtimer auf: „Das Fahrgestell vom dritten Wanderer ist schon fertig, Motor und Getriebe stehen auf dem Bock.“ Er lenke sich so ab. Hier werde er gefordert, hier vergehe die Zeit. „Zu Hause würde ich nur Trübsal blasen.“ Im Pavillon zeigt Kullig allerlei Museumsreifes: Vom Wanderer W25K über den Hanomag Rekord bis hin zum Pferd, das eine Kutsche zieht.

Die Kutsche stammt von der Firma Gläser, die auch für das sächsische Königshaus produzierte. Überhaupt zeigt Kullig, dass die damalige Chemnitzer Firma Wanderer viel mehr war als nur ein Autohersteller. Schreib- und Rechenmaschinen besitzt der Nerchauer genauso wie zwei Fahrräder. Mit viel Liebe zum Detail hatte der Rentner die beiden Drahtesel aus dem Hause Wanderer aufgebaut – ein Gefährt für sich und eines für seine Frau. Er bedauert, dass es keine Radtour der beiden mehr geben konnte.

Gaswerk
Kullig schraubt noch immer täglich in dem inzwischen geschlossenen Autohaus an seinen Oldtimern.
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Uralte Bauzeichnungen, Servicehefte und Anstecknadeln – alles hält er in Ehren. Dazu Tankstellen-Plakate, Emaille-Firmenschilder und Wandteller. „Jeder muss seinem Vogel Wasser geben“, lächelt der Nerchauer. Wenn er jünger wäre, hätte er bestimmt ein Automuseum eröffnet, sagt er. Er fühlt sich wohl in Nerchau. Der sechsfache Großvater wohnt in einer Straße mit seinen drei Kindern: Alle hätten was mit Rädern zu tun: „Steve arbeitet bei Porsche, Sven bei Volvo, Evelyn beim Rat der Stadt.“

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Krupp
Eine Szene aus dem ZDF-Film "Krupp - eine deutsche Familie"
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Heiligabend waren all seine Lieben bei ihm. Mit Augenzwinkern ergänzt Hans-Joachim: „Die anderen Tage hatte ich mich reihum durchgefressen – Gans, Ente, Schlesische Weißwurscht.“ Kullig stammt aus Breslau. Im Krieg wurde die Stadt zur Festung. Mit seiner Mutter kam er mit dem letzten Zug raus. Unterwegs spielten sich Dramen ab. Ein Wunder, dass die beiden Grimma erreichten. Anschließend ging es zunächst nach Zeunitz: „Von dort aus habe ich den glutroten Himmel über Dresden gesehen. Mein Großvater musste nach dem Angriff die Toten bergen. Er erholte sich nie mehr davon. Hoffen wir, dass es keinen Krieg mehr gibt!“

Hartnäckig hält sich in Nerchau das Gerücht, Tom Cruise habe bei den Dreharbeiten für den Thriller „Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat“ (2008) in Kulligs Wanderer gesessen. Dem sei nicht so, stellt der Tüftler klar. Dafür wurde der Wanderer ein Jahr später für den ZDF-Dreiteiler „Krupp – eine deutsche Familie“ engagiert. „Ich musste keinen Ton sagen, sondern nur mit zwei weiteren Uniformierten am Gutshaus vorfahren, aussteigen, klingeln und den Schwager von Berta Krupp verhaften“, sagt der Senior.

Kulligs Frau Sigrid war ebenfalls am Set. Sie beobachtete den Dreh gewissermaßen vom Regiestuhl aus, durfte alles sogar im Monitor verfolgen. Ihr Mann wirkte in zwei Szenen mit. Bevor Tilo von Wilmowsky verhaftet wird, fährt der Nerchauer durch ein Tal, vorbei an einer Wiese, auf der auch die Schwester von Berta mit Obstkorb zu sehen ist. Kurioserweise sei zunächst die Verhaftung und dann erst die Fahrt zum Gutshaus gedreht worden, erinnerte sich Sigrid noch vor ihrem Tod.

Krupp
Eine Szene aus dem ZDF-Film "Krupp - eine deutsche Familie"
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Ausschnitt dem ZDF-Dreiteiler „Krupp – eine deutsche Familie“
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Krupp und Kullig! Kein anderer dürfte sowohl im Thälmann-Film als auch in der Krupp-Serie mitgewirkt haben. Der Aufwand war in beiden Fällen enorm. „Wenn der Hut verrutscht, ist sofort der Kostümbildner zur Stelle. Allein die Anfahrt zum Gutshaus musste einige Male wiederholt werden“, weiß Hans-Joachim Kullig: „Mal störte ein Flugzeug, mal spiegelte sich etwas in der Scheibe, schließlich musste gar ein störender Baum ausgegraben werden.“

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