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Wohnen auf einem Wagenplatz in Leipzig

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Drei Zimmer, Küche, Bad – das reicht manchen Menschen in und um Leipzig nicht aus. Sie haben sich ein Heim geschaffen, das alles andere als gewöhnlich ist.

Die Multimedia-Serie „Ungewohnt“ gibt Einblicke in sieben ganz besondere Häuser. Der siebte Teil: Wohnen auf einem Leipziger Wagenplatz.

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Florian Teller lebt seit zwölf Jahren auf Wagenplätzen in Leipzig. Er mag das Leben in seinem Lastwagen. Es beruhigt ihn, dass er nicht zu viele Dinge ansammeln kann. Den 36-Jährigen stören aber die „doppelten Standards“, die die Politik häufig auf Bewohner von Wagenplätzen anwende.

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Florian Teller vor seinem Wohn-Lkw.
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An der unscheinbaren Einfahrt stehen ordentlich aufgereiht Mülltonnen, daneben hängt ein Briefkasten. Weiter hinten weist ein gelbes Schild den Weg: „Scherbelburg“. 2014 haben die Bewohner des Wagenplatzes der Bahn das Grundstück in Leipzig-Kleinzschocher abgekauft.

Der Blick schweift über die Lauben und Gartenzwerge eines benachbarten Kleingartenvereins. Darüber thronen kunstvoll gestaltete Bau- und Lastwagen. Eineinhalb Hektar ist das Areal groß. Es schmiegt sich im Südwesten Leipzigs an die Bahngleise. Ein Zirkuswagen und ein Wohnei stehen herum, derzeit werden die Gefährte ausgebaut und wohnlich gemacht. Hin und wieder rauscht ein Güterzug an der Scherbelburg vorbei.

Vor dem Bauwagen eines Wagenplatz-Bewohners hängen halbierte Lkw-Felgen vom Vordach der Terrasse. Sie dienen als überdimensionale Grillflächen. In der Mitte des Grundstückes wachsen Gemüse und Blumen in umzäunten Beeten. Unweit steht ein Koch- und Gemeinschaftswagen.

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Florian Teller vor seinem Wohn-Lkw.
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Die Kochzeile im Wagen. Auf dem Campingkocher bereitet sich Teller seinen Tee zu.
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Neben der Gemeinschaftsküche hat sich Florian Teller mit seinem gelb-blauen Lastwagen niedergelassen. In dem 13 Quadratmeter großen Anhänger wurden früher Pferde transportiert. Nun lebt der 36-Jährige darin. „Ich sage immer, es gibt Bad, Wohn- und Esszimmer“, stellt er seinen Einraum-Laster vor, in den eine steile Treppe hineinführt. Bevor Teller den Holzboden betritt, streift er seine Schuhe ab.

Gleich rechts neben dem Eingang steht ein kleiner Holzofen, gerade im Winter ist der wichtig. Im Raum ist es wohlig warm, die vier Wagen-Wände sind isoliert, die Fenster und die Terrassentür doppelt verglast. Nur ein Dachfenster lässt etwas Kälte herein. Teller setzt Wasser für einen Tee auf seinem Campingkocher auf, seine zwei Zehn-Liter-Trinkwasserkanister füllt er etwa alle zwei Wochen am nahegelegenen Pferdehof auf. Mit dem Lastenrad transportiert er sie zu seinem Lkw. „Das ist eine Aufgabe, die ich nicht so gerne mag“, sagt er.

Meist kocht der Minimalist in seinem Wagen, hin und wieder auch in der Gemeinschaftsküche, die er sich mit den anderen 14 Bewohnern des Wagenplatzes teilt. Seit beinahe zwölf Jahren lebt Teller auf Rädern. Bevor er 2014 die Scherbelburg mit gründete, lebte er auf einem anderen Platz in Großzschocher.

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Die Kochzeile im Wagen. Auf dem Campingkocher bereitet sich Teller seinen Tee zu.
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Auch wenn der Lastwagen klein ist, findet alles seinen Platz.
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Zwischen zehn und 15 Wagenplätze gibt es derzeit in Leipzig, schätzt Michael Stellmacher vom Haus- und Wagenrat (HWR). Der Verein berät seit dreieinhalb Jahren selbstorganisierte Räume in der Stadt.

Etwa 300 Menschen leben hier aktuell in Bau- und Lastwagen. Die meisten Plätze sind gepachtet oder besetzt. Teller wollte unabhängig von Grundstücksbesitzern leben. Darum suchte er bei der Gründung der Scherbelburg gemeinsam mit anderen Initiatoren nach einer geeigneten Organisationsform. Die Scherbelburg-Bewohner beschlossen, den Platz als Verein zu kaufen und zu vergemeinschaften. „Es gab viele Diskussionen, ob dieses Eigentum nicht spießig ist“, erzählt Teller. Damals gab es hauptsächlich besetzte und gepachtete Grundstücke.

Um abzusichern, dass künftige Vereinsmitglieder den Platz nicht für viel Geld verkaufen, trat der Verein in das Mietshäuser-Syndikat ein. Der Verband berät und unterstützt beim gemeinsamen Kauf von Häusern und Flächen. Ziel sei es, diese dem Immobilienmarkt zu entziehen.

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Auch wenn der Lastwagen klein ist, findet alles seinen Platz.
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Der kleine Holzofen sorgt für einen warmen Wagen im Winter.
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In der Scherbelburg wohnen derzeit 14 Erwachsene, einige mit ihren Kindern. Auch Tellers achtjähriger Sohn wohnt auf dem Platz. Er hat seinen eigenen Bauwagen zwischen den mobilen Heimen seines Vaters und seiner Mutter. „Ihm gefällt es hier noch“, sagt der Lkw-Bewohner. „Wenn er in die Pubertät kommt, hat er wahrscheinlich keine Lust mehr, dann möchte er wohnen wie seine Klassenkameraden.“

Über der Spüle im Lastwagen steckt Tellers Zahnbürste. Das Abwasser fängt ein Eimer unter dem Lastwagen auf. Toilette und Dusche sind in separaten Wagen, die sich die Bewohner teilen. „Wenn man das Duschwasser erhitzt, kann man auch warm duschen“, sagt der Leipziger, der sich selbst als Frostbeule bezeichnet.

Seit zehn Jahren ist Teller selbstständiger Artist und tritt mit Jonglage-Nummern bei Veranstaltungen auf. Ein „netter Nebeneffekt“ des Lebens im Wagen sei, dass er nicht so viel Miete bezahlen muss. „Für die Selbstständigkeit braucht man eine gewisse Anlaufzeit, das geht leichter, wenn man im Monat nur wenig Geld fürs Wohnen benötigt“, sagt Teller. 70 Euro zahlt er monatlich für Wasser, Strom und Soli-Beitrag für den Wagenplatz-Verein „Bahnfrei“.

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Der kleine Holzofen sorgt für einen warmen Wagen im Winter.
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Der Laptop läuft mit Solarenergie. Einzig Tellers Drucker ist auf das normale Stromnetz angewiesen.
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Immer wieder gibt es „Bietrunden“ der Wagenplatz-Bewohner. Jeder schätzt dann ein, wie viel Geld er monatlich abtreten kann. Bei sogenannten „Platztagen“, die einmal im Monat stattfinden, besprechen die Menschen von der Scherbelburg, ob sie sich gemeinschaftlich eine Kettensäge anschaffen wollen, wer neu einziehen darf und wohin die hinterlassenen Fahrräder aus der Radwerkstatt eines ehemaligen Bewohners geräumt werden. Ihre Entscheidungen fällen sie basisdemokratisch. Über aktuelle Termine informiert eine große Tafel am Küchenwagen.

Mit den benachbarten Kleingärtnern haben die Bewohner der Scherbelburg generell ein gutes Verhältnis. Als der Wagenplatz vor drei Jahren entstand, habe es hin und wieder Beschwerden der Gärtner gegeben. Ab und zu ärgerten sich die Scherbelburg-Bewohner über Gartenabfälle in ihren Mülltonnen. „Insgesamt sind sich aber Kleingärtner und Wagenplatz-Menschen gar nicht so unähnlich“, sagt Teller.

Bevor sich der Artist selbstständig machte, hat er Ethnologie, Journalistik und Religionswissenschaften in Leipzig studiert. Vor kurzem hat er sich für ein Fernstudium am Deutschen Journalistenkolleg in Berlin eingeschrieben. Sein Laptop läuft bei Sonnenschein mit Solarstrom, auch Licht und Radio benötigen untertags keine externe Stromquelle. Einzig Tellers Drucker ist auf das „normale“ Stromnetz angewiesen. Meist liest und schreibt der Lebenskünstler für das Studium in seinem Bett, erzählt er. Über der breiten Matratze baumelt ein Fuchsfell. „Das lag bei unserem Einzug auf dem Gelände herum. Wir haben das Fell dann gerben lassen.“

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Der Laptop läuft mit Solarenergie. Einzig Tellers Drucker ist auf das normale Stromnetz angewiesen.
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Teller
Im Küchenwagen treffen sich die Wagenplatz-Bewohner zum Kochen und Austausch. Sie betonen, dass sie Bedürfnisse und Rechte wie alle anderen Menschen haben.
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Der zurückhaltende Lastwagen-Besitzer mag es ordentlich, er ärgert sich über Junkies, die sich hin und wieder auf die Scherbelburg verirren. Jeder Bewohner sei darum angehalten, Besucher zu fragen, was sie auf dem Platz wollten. Obwohl Wagenplätze inzwischen bekannter und in der Gesellschaft akzeptierter sind, argumentierten Politiker immer noch mit doppelten Standards, findet Teller:

Im Vertrag für Wagenplätze der Stadt Leipzig, der auf CDU-Antrag im Frühjahr 2017 geschlossen wurde, wird explizit auf eine Melde- und Schulpflicht der Bewohner von Wagenplätzen verwiesen. „Mein Kind geht in eine ganz normale Schule, das ist Bundesrecht“, betont Teller. Zudem müsse sich in Deutschland jeder melden. Natürlich gelte das auch für Menschen, die im Wagen wohnen, findet er.


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Im Küchenwagen treffen sich die Wagenplatz-Bewohner zum Kochen und Austausch. Sie betonen, dass sie Bedürfnisse und Rechte wie alle anderen Menschen haben.
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Florian Teller lernt in seinem Wagen. Er studiert im Fernstudium.
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Generell sei die Wohnform auf Rädern ein Nischenthema, viele Menschen hegten Vorurteile und wüssten wenig über das Leben im Wagen. Auch rechtlich ist die Wohnform ein Graubereich: „Selbst wenn die Eigentumsverhältnisse des Platzes geklärt sind, sieht das Baurecht Wagen nicht vor“, erklärt Teller. Hier wünscht er sich eine klare Linie in Bundes- oder Landesrecht.

Am Leben im Wagen mag er, dass er viel an der frischen Luft ist. Das unabhängige Leben reizt ihn und, dass er theoretisch immer losfahren kann mit seinem Lastwagen. Wie lange er noch hier leben wird, kann er nicht sagen. „Ich finde es beruhigend, dass ich hier nicht so viel Kram anhäufen kann“, sagt Teller.

Wenn er mit seinem Lkw unterwegs ist, verstaut er sein Hab und Gut in Kisten und Schränken. Fahrradschläuche sorgen dafür, dass die Bücher nicht aus den Regalen fallen können. „Wagenleben bedeutet, sich auf der Suche nach Minimalismus die Rosinen rauszupicken“, der Spruch hängt an der Wand des Lastwagens. „Das trifft es ganz gut“, sagt der Lebenskünstler.

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Florian Teller lernt in seinem Wagen. Er studiert im Fernstudium.
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Leipzig gilt heute als Wagenplatz-Hochburg in Deutschland. Ende der 1990er Jahre wurde an der Windscheidstraße in Connewitz der erste Leipziger Wagenplatz gegründet. Die Verantwortlichen in der Stadt dachten damals, die Lebensform sei ein Armutszeugnis und boten den Bewohnern Wohnungen an. „2001 wollte die Stadt dann einen zentralen Wagenplatz in Markkleeberg einrichten“, erzählt der Wagenplatz-Bewohner Florian Teller. Das fanden die Wagenbewohner aber nicht gut, der Plan wurde verworfen. Mit der Zeit entstanden immer mehr Wagenburgen. „Jedes Jahr kommt etwa ein neuer Platz hinzu“, sagt Michael Stellmacher vom Haus- und Wagenrat (HWR). Viele Menschen kämen zur Beratung zum HWR, wollten sich einem Wagenplatz anschließen.

Klaus Schotte, Stadtplaner und beim HWR aktiv, kritisiert, dass das Baurecht Wagenplätze nicht kenne. Allerdings könne der Gesetzgeber durchaus befinden, dass sich ein Wagenplatz in seine Umgebung einfügt – ähnlich wie bei einem Industriegebiet. Dadurch könnten Spielräume geschaffen werden. „Lüneburg hat einen Wagenplatz legalisiert. Auch Witzenhausen in Nordhessen sieht eine Wagenburg im Flächennutzungsplan vor.“ Die Spielräume, wie das Baurecht ausgelegt wird, müssten erweitert werden, findet Schotte. Die Plätze seien Räume, in denen etwas ausprobiert werden kann. Die Stadt müsse darauf achten, dass diese Räume erhalten bleiben, sagt er. Denn das belebe die ganze Gesellschaft.

Das Bauamt der Stadt Leipzig verweist bei dem Thema auf das Gesetz von Bund und Land. „Es kann nicht von der Kommune umformuliert oder uminterpretiert werden“, heißt es auf Anfrage.
Heiko Rosenthal ist Ansprechpartner der Stadt für Wagenplätze. Leipzigs Ordnungsbürgermeister sei schwierig anzusprechen, sagt Schotte. Das läge an seiner Führungsposition. Aus der Stadtverwaltung heißt es, dass Rosenthal bislang nur selten in Bezug auf Wagenplätze kontaktiert worden ist.

Vier Plätze befinden sich derzeit auf Grundstücken der Stadt. Drei hätten schriftliche Verträge, die Bewohner zahlen der Stadt Leipzig einen Mietzins. Mit den Menschen des vierten Wagenplatzes liefen derzeit Vertragsverhandlungen, teilte das Liegenschaftsamt der Stadt Leipzig mit.

Durch das geregelte Mietverhältnis soll auch sichergestellt werden, dass die Bewohner ihrer Meldepflicht nachkommen, den Müll ordnungsgemäß entsorgen und ihre Wagen ans Strom- und Wassernetz angeschlossen sind. Denn nicht alle hielten sich an die Vorschriften.
Florian Teller ist mit der Wagenplatz-Adresse gemeldet, sein Sohn geht wie alle anderen Kinder in die Schule. Auch ans Stromnetz ist sein Platz angeschlossen, die Müllabfuhr leert die Mülltonnen. Ihr Trinkwasser holen die Bewohner vom nahegelegenen Pferdehof.

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Video-Interview und Text:
Theresa Held
Fotos und Videos: Dirk Knofe
Schnitt: Felix Ammenn (Leipzig Fernsehen)
Grafik: Patrick Moye
Themenidee: Tatjana Kulpa
Konzept und Produktion: Nathalie Helene Rippich, Gina Apitz

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