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Fluchtmuseum auf Schloss Colditz zeigt Leben der allierten Gefangenen während der Nazi-Zeit

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Das neu konzipierte Fluchtmuseum auf Schloss Colditz gilt als diejenige Schau im Landkreis mit den meisten Besuchern aus aller Welt. Auf 150 Quadratmetern können die Gäste mehr erfahren über das Katz- und Mausspiel zwischen deutschen Wachleuten und alliierten Offizieren während des Zweiten Weltkriegs.

von Haig Latchinian

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Viscount Lascelles, der Neffe von King George VI., Captain John, the Master of Elphinstone, Neffe von Queen Mum, Max de Hamel, Neffe Winston Churchills, sowie Giles Romilly, Neffe von Churchills Frau, sie alle saßen in Colditz ein.
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Viele der 10.000 Briten, die jährlich Schloss Colditz besuchen, lachen dort gern und vor allem laut. Colditz ist für sie Sehnsuchtsort. Ihr Traum schlafloser Nächte. Ein Spielplatz für große Kinder. Wie andere Räuber und Gendarm spielten, spielten sie von Klein auf Colditz. Ausbrecher gegen Aufseher. Ob Bücher, Filme oder Würfelspiele – Colditz war, ist und bleibt Kult auf der Insel.

Der Guide lässt in Colditz gewöhnlich keinen Schabernack aus, den die Bösen Buben, die Bad Boys, wie sich die Engländer selber nennen, mit den deutschen Wachleuten getrieben haben. Für Einheimische ist der Klamauk mindestens gewöhnungsbedürftig. Der Zweite Weltkrieg als Spaßfaktor – für den guten Deutschen bislang undenkbar. Wohlwissend, dass im KZ gleich um die Ecke sogenannte Untermenschen zu Tode gequält wurden.

Das Colditzer Gefangenenlager für alliierte Offiziere war ein Sonderfall. Das internationale Rote Kreuz überwachte die Einhaltung der Genfer Konvention. Die deutschen Wachleute wussten: So wie sie die Offiziere des Feindes behandeln, so würde der Feind mit den deutschen Offizieren umgehen. Also krümmte man den prominenten Inhaftierten kein Haar.

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Viscount Lascelles, der Neffe von King George VI., Captain John, the Master of Elphinstone, Neffe von Queen Mum, Max de Hamel, Neffe Winston Churchills, sowie Giles Romilly, Neffe von Churchills Frau, sie alle saßen in Colditz ein.
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Viscount Lascelles, der Neffe von King George VI., Captain John, the Master of Elphinstone, Neffe von Queen Mum, Max de Hamel, Neffe Winston Churchills, sowie Giles Romilly, Neffe von Churchills Frau, sie alle saßen in Colditz ein. Wenn sie schon nicht kämpfen konnten, so war es ihre soldatische Pflicht, die Wachleute zumindest rund um die Uhr zu beschäftigen. Über 300 Fluchtversuche starteten sie zwischen 1941 und 1944. Und das ausgerechnet in jener als ausbruchsicher geltenden Festung hoch über der Mulde.

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Fassaden, Dächer, Mauern: 40 Millionen Euro investierte das Land Sachsen seit der Wende in das Colditzer Schloss, das zuletzt als Krankenhaus genutzt wurde.

In das Gemäuer mit angeblich 700 Zimmern sind eine Jugendherberge und die Landesmusikakademie eingezogen. Die Gesellschaft Schloss Colditz (GSC) bietet täglich Führungen durch die wechselvolle Geschichte. Wohnort von Kurfürstin Sophie, dann Landesanstalt für unheilbar Geisteskranke, ein frühes KZ – kein Ort für schwache Nerven.

Herzstück der Ausstellung ist das überarbeitete Fluchtmuseum. Dessen Neugestaltung war André Thieme von den Staatlichen Schlössern Sachsens 25.000 Euro wert. Zweisprachig – auf Deutsch und Englisch – wird der Besucher im ehemaligen Beamtenhaus informiert. Nicht bespaßt. Dennoch kommt die Schau auf 150 Quadratmetern alles andere als dröge daher.

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Schon im Wendelstein entdeckt der Besucher einige Kritzeleien der Gefangenen. Designer Holger Siegfried rekonstruierte entsprechend gesicherte Originale: Pin-Up-Girls, Wasserschlachten, Pferderennen.

Malermeister Manfred Deutrich wählte für die drei Räume einen halbhohen Anstrich in warmem Gelb-Grün, jener Farbe, die typisch ist für britische Militäruniformen. Im Wehrmachtsspind läuft ein Drei-Minuten-Film. Über Tonband ist David Ray, Chef der Londoner Colditz Society, zu hören. Zu sehen ist ein Scheinwerfer, dazu eine Strickleiter und das Leinentuch mit Herbstblättern, mit dem die bösen Buben einen Laubhaufen als Versteck simulierten.

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Der Colditzer Fotografen Johannes Lange dokumentierte die Theaterstücke der Gefangenen.
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Gestochen scharf sind die mit der Plattenkamera angefertigten Bilder des Colditzer Fotografen Johannes Lange. Er wurde regelmäßig ins Lager gerufen, um zu Schulungszwecken des Wachpersonals jeden einzelnen Fluchtversuch nachzustellen und zu dokumentieren. Meisterlich seine Schnappschüsse vom Theater: Gefangene als Männlein und Weiblein kostümiert. Das Bühnenbild aufwendig gestaltet. In der ersten Reihe die Wachleute, dahinter die alliierten Offiziere. „Im Stück Fata Morgana der Niederländer wird eine lebensgroße Kuh auf die Bühne geschoben. Ihr Fell ist nicht nur gescheckt, sondern auch mit einem riesigen V versehen – V für Victory“, sagt Regina Thiede.

Die Museologin bezeichnet das neue Fluchtmuseum als Aushängeschild. „Die Bilder waren verblichen, die Berichte der Veteranen kaum noch lesbar. Uns kam es darauf an, Verbindungen herzustellen, Geschichten zu erzählen und neuere Forschung einfließen zu lassen.“ GSC-Geschäftsführerin Cornelia Kasten ist glücklich: „Das Museum kommt sehr gut an – egal ob bei Australiern oder Neuseeländern, Briten oder Niederländern, Franzosen oder Südafrikanern.“

Erzählt wird die Flucht aus dem Theatersaal, eine von insgesamt 31 gelungenen Storys. Über eine Luke in der Decke gelangte Airvey Neave in die Freiheit. Neave saß später als Abgeordneter im britischen Unterhaus, wurde enger Vertrauter und Privatsekretär von Premierministerin Margaret Thatcher. 1979 starb er durch eine Bombe der IRA. Sein Tod versetzte das ganze Land in Alarmbereitschaft.

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Der Colditzer Fotografen Johannes Lange dokumentierte die Theaterstücke der Gefangenen.
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Die Doku zeigt, auf welchem Weg die Gefangenen aus Schloss Colditz damals flüchteten
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Den Deckel, mit dem die Luke im Theatersaal kaschiert wurde, hatte Pat Reid gefertigt. Reid war der weltbekannte Autor des Romans „The Colditz Story“. Sein Tarndeckel ist im Museum ebenso zu sehen wie die Uniform des späteren niederländischen Vizeadmirals Frederik Kruimink. Das Museum konnte sie unlängst für 2000 Euro ankaufen. „Colditz-Devotionalien sind international bei Sammlern begehrt und nicht billig“, weiß die Museologin.

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Das Fluchtmuseum hat mehr zu bieten als den Nachbau des altbekannten Colditz-Gleiters. So erfährt der Besucher auch etwas über den hohen polnischen Offizier deutscher Herkunft, Józef Unrug, geboren als Joseph Michael Hubert von Unruh. Er entstammte einer preußischen Offiziersfamilie und diente im Ersten Weltkrieg als Oberleutnant in der kaiserlichen Marine. In Friedenszeiten trat er der neu gegründeten polnischen Armee bei. In der Danziger Bucht musste sich der Befehlshaber der polnischen Kriegsflotte 1939 der deutschen Übermacht geschlagen geben.

Er geriet in deutsche Gefangenschaft und saß von 1940 bis 1942 in Colditz ein.„Hohe Partei-Funktionäre und ehemalige Waffenbrüder aus dem Ersten Weltkrieg besuchten ihn mehrfach in Colditz, wollten den Träger des Eisernen Kreuzes zum Seitenwechsel bewegen – vergebens“, sagt Regina Thiede. Bei Verhandlungen mit deutschen Offizieren bestand er demonstrativ auf die Anwesenheit eines Dolmetschers. Er äußerte, dass er die deutsche Sprache im September 1939 „vergessen“ habe.

Der Fluchtversuch mit einem selbst gebauten Gleiter wurde hier nachgestellt.
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1941 organisierten die polnischen Gefangenen eine Olympiade in Colditz Castle. Volleyball und Fußball, Schach und Bridge. Während die Polen, Belgier, Franzosen und Holländer mit Feuereifer bei der Sache waren, hielten die Briten den zur Schau gestellten Nationalstolz ihrer Kameraden für übertrieben. Sie machten sich sogar darüber lustig.

Ein Mannschaftsfoto von Johannes Lange zeigt sie beim Grimassen-Schneiden. Die Briten und ihr trockener Humor. Auch Schloss Colditz bedient ihn. Zumindest hier und da, man will ja kein Spielverderber sein: In einer Einzelzelle, in der notorische Ausreißer zur Strafe sitzen mussten, steht ein Bett mit NVA-Bettbezug. Dazu: Waffe und Stahlhelm. „Nein, nein, keine Originale. Die Briten mögen das halt.“

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