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Auf Streifzug durch den Kiez: In der Serie „Mein Viertel“ führen Leipziger durch ihren Stadtteil, zeigen Lieblingsplätze und Schandflecken. In Teil 9 spazieren Friedhofsgärtner Heiko Schau und Urgestein Michael Pahle durch Leutzsch.

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Die Straßenbahn rattert über die Schienen, Autos rauschen im Sekundentakt über die Straße. An der Kreuzung vor dem Leutzscher Rathaus ist heute wieder ordentlich Krach. Heiko Schau hat sich daran gewöhnt. „Ich wohne hier praktisch an einem Autobahnzubringer“, schreit er und deutet auf die vielbefahrene Rückmarsdorfer Straße.

„Leutzsch hat dadurch viel Schaden genommen.“ Die Ruhe, die ihm fehlt, holt er sich tagsüber bei der Arbeit. Der 48-Jährige mit dem Rauschebart und der Glatze ist Friedhofsgärtner, kümmert sich in Lindenau um die letzten Ruhestätten der Verstorbenen.

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Michael Pahle wohnt im Villenviertel von Leutzsch.
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Auf der Tour begleitet ihn heute Michael Pahle, 67 Jahre alt, seit den 1980er-Jahren in Leutzsch beheimatet. Treffpunkt ist der alte Dorfkern, an der Kirche der Laurentiusgemeinde, in der beide Mitglied sind. Das Viertel sei praktisch zweigeteilt, erklärt Heiko Schau. Während er in der Arbeitergegend an der Georg-Schwarz-Straße wohnt, lebt Pahl in dem Teil, in dem die Villen stehen. „Das reichere Volk wohnt da unten“, sagt Schau und lacht kräftig.

Michael Pahle lächelt etwas verlegen, deutet lieber auf die alte Kirche mit der Pfarrscheune und dem Gemeindehaus, das gerade rekonstruiert wird. Der Kindergarten wird erweitert.

Die Männer überqueren die Straße und stehen jetzt vor dem alten Wasserschloss, dem ehemaligen Rittergutssitz der Herren von Leutzsch. Dass das Anwesen einst von einem Graben umgeben war, erkennt man noch. In den 1960er-Jahren wurde das Schloss abgerissen, erzählt Pahle. Übrig geblieben ist eine kleine Grünanlage.

In den 90ern sollte das Areal bebaut und für die Öffentlichkeit verschlossen werden. Doch eine Leutzscher Bürgerinitiative wehrte sich gegen das Vorhaben, sagt er. Auf den Bänken des Parks sitzen heute einige Jugendliche, sie lassen einen Joint kreisen, hören laute Rap-Musik. „Tagsüber geht’s, abends ist es hier grenzwertig“, sagt Heiko Schau. Ihn ärgert vor allem der Vandalismus, der hier „ziemlich heftig“ sei. Schon zwei Mal wurden an dem neuen Spielplatz die Sitzflächen der Bänke geklaut.

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Michael Pahle wohnt im Villenviertel von Leutzsch.
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Heiko Schau und Michael Pahle sagen, was Leutzsch für sie bedeutet.

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Friedhofsgärtner Heiko Schau lebt seit 20 Jahren in Leutzsch.
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Die beiden Männer verlassen den Park, laufen zurück zum Leutzscher Rathaus, vorbei an sanierten Fassaden. Heiko Schau lebt seit 20 Jahren im Viertel, aufgewachsen ist er in Stahmeln. Er besucht manchmal seinen Vater, der noch dort lebt. Doch lange hält er es da nie aus, das quirlige Stadtleben fehlt ihm. In Leutzsch, sagt Schau, sei vieles in Bewegung. Die Georg-Schwarz-Straße habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert, nette Läden gibt es hier jetzt. Das „Vinyl-Café“ etwa oder das „Jedermanns“, ein echter Geheimtipp, der genaugenommen schon in Lindenau liegt. In der kultigen Kneipe kochen zwei ältere Damen. „Kohlroulade für sieben Euro“, schwärmt Schau.

Nur mit dem Fahrrad könne man die Georg-Schwarz-Straße nicht befahren. Das sei „lebensmüde“. Auf seinen Drahtesel schwingt sich Heiko Schau nur bei schönem Wetter. Er gehe viel zu Fuß, ein Auto brauche er nicht, sagt er.

Es ist auch die günstige Miete, die ihn in Leutzsch hält. Doch wie überall ziehen hier die Preise langsam an, Freunde von ihm zahlen inzwischen fünf bis sechs Euro kalt pro Quadratmeter. Auch Michael Pahle sagt, dass Leutzsch mittlerweile ein „gefragtes Viertel“ sei. Er erinnert sich noch gut daran, wie das Quartier zu DDR-Zeiten aussah. Die Industriebetriebe rund um die Franz-Flemming-Straße pusteten dunkle Abgase in die Luft. „Der Dreck war immens.“ Als nach der Wende viele Betriebe dicht machten und Arbeitsplätze wegfielen, wurden ganze Straßenzüge entvölkert. Als Heiko Schau 1996 nach Leutzsch zog, stand jedes zweite Haus leer. „Da hat fast niemand mehr gewohnt“, sagt er. Heute hat der Stadtteil ein anderes Gesicht.

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Friedhofsgärtner Heiko Schau lebt seit 20 Jahren in Leutzsch.
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Die Entwicklung von Leutzsch

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Heiko Schau und Michael Pahle über die Nachteile des Viertels

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Was fehle, sei eine urige Kneipe, finden beide. „Es gibt gastronomisch fast nichts“, kritisiert Michael Pahle. Er vermisse auch Einkaufsgelegenheiten, in anderen Ecken der Stadt gebe es deutlich mehr Supermärkte. Das sei vor allem für ältere Bewohner ein Problem.

Auch kulturell bietet der Stadtteil nicht allzu viel. Ausnahme sei die Mädlervilla, in der regelmäßig Konzerte stattfinden. Das nicht soviel los ist, sei nicht so schlimm, findet Heiko Schau. Schließlich sei Leutzsch gut angebunden, die Straßenbahn fährt in zehn Minuten bis in die Innenstadt. Im Grünen sei man fast noch schneller. Schau liebt die Leutzscher Aue, geht dort gern spazieren, trinkt Bier in einer der Gartenkneipen, die „Waldluft“ oder „Weste“ heißen.

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Klaus-Peter Lukas betreibt in der Leutzscher Aue einen Reiterhof mit eigener Klause.
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Ein echter Geheimtipp ist die Klause des Reitherhofs Lukas, der etwas versteckt, aber sehr idyllisch in der Aue liegt. Schnitzel mit Pommes landen hier auf den Tellern der Ausflügler. Knurrig erzählt Chef Klaus-Peter Lukas von seinem Hof, den er vor 18 Jahren von den Eltern übernahm. Leicht sei es nicht, sagt der Pferdezüchter. Im Sommer ist der Laden zwar voll, im Winter aber verirre sich kaum jemand hierher.

Lukas beschäftigt zwei Lehrer, die Kindern und Erwachsenen Reitunterricht geben. Schwierig sei der Sport nicht, sagt er. „Wenn man das Gefühl raus hat, kann man es ziemlich schnell lernen.“ Kinder bis sechs können mit ihren Eltern mit einem Pony durch den Wald laufen. Das Angebot ist äußerst beliebt. „Am Wochenende reichen die Ponys nicht“, sagt der Pferdehofchef.

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Klaus-Peter Lukas betreibt in der Leutzscher Aue einen Reiterhof mit eigener Klause.
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Zurück im Herzen von Leutzsch: Michael Pahle und Heiko Schau gehen die Rückmarsdorfer Straße hinauf, vorbei an einer Brachfläche und der „Rücke“, einem Heim für Obdachlose.

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Sie passieren ein ehemaliges Feuerwehrhaus, das sich ein Architekt zu einem stylischen Wohnhaus umgebaut hat. Dahinter liegt die Schwimmhalle, die Michael Pahle ab und zu mit seiner Enkelin besucht.

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Jetzt biegen die beiden in einen schmalen Durchgang ein, hinter dem sich der Leutzscher Friedhof erstreckt. Der Straßenlärm wird gedämpft, vermischt sich mit Vogelgezwitscher. Verschiedene Leutzscher Industrielle liegen hier begraben, der Unternehmer Franz Flemming etwa oder die Familie Thorer, die groß im Pelzgeschäft tätig war und „unheimlich reich geworden ist“, wie Michael Pahle weiß.

Für Heiko Schau ist der Friedhof ein versteckter Rückzugsort gegen den Autolärm, seine persönliche „kleine Oase“, mitten in seinem Stadtteil.

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Texte und Videointerviews: Gina Apitz
Fotos und Videodreh: Dirk Knofe, Leibniz Institut für Länderkunde
Zoom und Logo: Patrick Moye
Schnitt: Felix Ammenn (Leipzig Fernsehen)
Konzept und Produktion: Gina Apitz

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